Zu Hause

Endlich kommst du nach Hause.
Du lässt dir Zeit, deine Straßenkleidung auszuziehen. Die Schuhe stellst du ordentlich in das Regal, die Jacke hängst du auf den Bügel. Du kontrollierst drei Mal, ob du auch ja dein Portemonnaie und deinen Schlüssel nicht vergessen hast. Erst dann öffnest du leise die Tür, denkst – hoffst – wohl, dass ich bereits schlafe. Das sollte ich. Das wollte ich. Doch das konnte ich nicht. Wie üblich.
Du scheinst nicht überrascht, mich hier sitzen zu sehen.
Du bist enttäuscht. Du bist im Zwiespalt.

Du dachtest nicht, jetzt schon auf mich zu treffen; hofftest, dich einfach wieder zu mir legen zu können, wie immer, als sei alles beim alten, als sei nichts geschehen. Du hast Angst. Du bist entschlossen – schließlich war das unser Deal. Ein Deal, von dem ich wusste, dass ich daran kaputt gehen würde.
Deine Lippen verziehen sich zu einem Grinsen. Stolz. Angeberisch. Zerknirscht. Verzeihend. Nicht bereuend.
Du willst gerade zum Sprechen ansetzen, spaltest deine hämisch grinsenden Lippen, holst schon Luft, möchtest prahlen, mit dem, was du getan hast, siehst nicht, dass ich keiner deiner oberflächlichen Freunde bin, die sich damit beeindrucken lassen, als dein Blick auf die Tasche zu meinen Füßen fällt. Sie ist gepackt.
Deine Lippen schließen sich wieder, pressen sich aufeinander. Die Luft entweicht zischend aus deiner Nase.
Du bist verletzt. So war das nicht abgemacht. Ich sagte, ich würde es versuchen. Und nun sitze ich hier. Bereit dich zu verlassen, ohne überhaupt einen Versuch gewagt zu haben.
Du wirst wütend. Du hast bekommen, was du wolltest und ich zerstöre alles. Indem ich gehen werde. Dein Blick wird überheblich, deine Schultern straffen sich. Doch du machst nicht den Fehler, auch nur ein Wort zu sagen. Du schenkst mir einen letzten spöttischen Blick, bevor du dich von mir abwendest und in das Schlafzimmer gehst.
Ich bin zerbrochen. Alles was ich möchte, ist von dir in den Armen gehalten zu werden, deinen Trost, deine Lippen zu spüren. Doch das wird nie wieder geschehen, das Gefühl wird nie wieder das selbe sein. Denn du bist beschmutzt. Deine Arme schlangen sich um eine Andere. Deine Lippen pressten sich auf andere, als die meine. Auf bekannte andere.
Egal, was wir abgemacht hatten. Ich kann nicht mehr. Du zeigst mir mal wieder, dass ich das alleinige Opfer gebracht, mich alleine überwunden habe. Wie üblich. Du hast bekommen, was du wolltest und hast alles andere außen vor gelassen – meine Bedingungen, an die du sicherlich keinen Gedanken verschwendet hast. Weil es dir egal ist. Weil du dir genommen hast, was du wolltest, ohne Rücksicht. Es ist dir egal.

Also gehe ich.
Hinterlasse dir unsere Erinnerungen und mein Herz. Beides brauche ich nicht mehr.

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  1. M.M.

    Ich habe einen gewissen Faible für diese Art von Kurzprosa, das strecken eines einzigen Momentes durch eine Handlung, die nur im Kopf des Protagonisten passiert. Dass ich’s im Stil sehr gerne parataktisch mag ist auch kein Geheimnis und auch die Wortwahl im Allgemeinen sagt sehr zu. Wirklich schöner Text, der Interesse auf mehr weckt.

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