The Life before and after

Hier folgt nun das nächste Kapitel:

Familie

Nick wachte auf. Mit schmerzenden Gliedern und einem sehr trockenen Mund und kratzigem Hals. Mühsam drehte er sich auf den Rücken und fiel dabei fast von der Couch. Ist gestern wohl wieder ein glorreicher Abend gewesen, dachte er sarkastisch und richtete sich auf.
Allzu früh oder spät konnte es nicht sein, die Sonne schien und es war reges Treiben unten auf den Straßen zu hören; knatternde und hupende Autos, schnatternde Stimmen und tobende und schreiende Kinder.
“Wenigstens hast du nicht gekotzt.”
Grace stand mit verschränkten Armen vor dem Sofa und betrachtete Nick mit abschätzigem Blick. Ihr entging nichts: die nun angeschwollene Lippe und das dunkelrote Auge, die Schlaffalten im Gesicht, die geröteten Augen mit den dunklen, tiefen Augenringen und der üble Gestank von Alkohol und Kippen.
“Dir auch einen wunderschönen guten Morgen, Grace”, bemerkte Nick sarkastisch und erhob sich. Mit einer kurzen Bewegung zog er sich das müffelnde Shirt über den Kopf und warf es hinter sich auf das Sofa. “Hattest du die Güte, mir Kaffee übrig zu lassen?”, fragte er mit einem Blick auf die dampfende Tasse in Graces Händen, als er auf dem Weg in die kleine Küche seiner Tante war.

“Nicht absichtlich”, war ihre trockene Erwiderung, mit der sich sich an den Schreibtisch vor dem Fenster setzte und den Laptop startete. “Dann ist das wohl mein gutes Karma”, erklärte Nick aus der Küche, wo er sich Kaffee ein schenkte.
Grace schnaubte lediglich ob dieses Kommentars und leerte ihre eigene Tasse. Für solche Kindereien hatte sie keine Zeit, sie musste sich schon mal über Stellenangebote in der Stadt informieren, bevor sie in zwei Stunden noch einmal in ihr altes Büro durfte, um ihre Sachen ab zu holen und alles Restliche zu klären. Ach, wie sie sich auf die hässliche Visage ihres nun Ex-Bosses freute!

Während Nick wieder ins Bad schlurfte, prüfte Grace kurz den Posteingang ihres E-Mailkontos und stutzte, als sie dort eine Mail von ihrer Schwester fand. Das konnte nur Eines bedeuten, dachte sie verärgert und wurde auch sogleich in ihrer Annahme bestätigt, als sie die Mail öffnete.

Da siehst Du es erneut, liebe Schwester, las sie, dass wir mit diesem widerwärtigen Menschen recht hatten!
Melde Dich doch bei Gelegenheit mal wieder – aber natürlich nur, wenn Du nicht fest gehalten wirst.

Lilly

“Dieses intrigante Biest!”, fluchte Grace und beförderte einige Zeitschriften vom Schreibtisch auf den Boden.
“Wenn du nicht fest gehalten wirst”, ahmte sie ihre Schwester mit verzerrter Stimme nach. “Die weiß doch genau, dass ich das letzte Mal vor drei Jahren verhaftet wurde”, zischte sie vor sich hin und klickte auf den Link, den ihre Schwester noch bei gefügt hatte, bevor sie die Mail löschte.
Das Fenster öffnete sich und eine Nachrichtenseite ihrer Heimatstadt lud.

Betrunkener greift Officers an!

Gestern Abend wurde erneut die idyllische Stille unseres schönen Städtchens durch das rüpelhafte Verhalten eines Ansässigen gestört. Nachdem die Security eines Clubs den Störenfried Archie T. (39) auf Grund einer Schlägerei aus ihren Räumlichkeiten entfernte, musste die Polizei schließlich eingreifen, da er weiter pöbelnd und prügelnd an der Uferpromenade verweilte. Als die Officers eintrafen und den Mann zu beruhigen versuchten, ging er auf sie los und verletzte einen Officer mehrfach im Gesicht, der andere musste mit leichten inneren Blutungen in das örtliche Krankenhaus gebracht werden. Bei dem anschließenden Fluchtversuch fiel Archie T. in den Fluss, ertrank beinahe und musste von den eintreffenden Rettungskräften aus dem Wasser gezogen werden.

Grace scrollte weiter runter und konnte Bilder ihres Ex-Freundes sehen, der mit glasigen Augen, gelbem Gesicht und blutender Stirn und Nase, sowie tropf nassen Haaren in die Kamera stierte. Auf einem anderen Bild konnte man erkennen, wie er hilflos im Wasser trieb, sich kaum oben halten konnte.
Mit versteinerter Miene betrachtete sie das Ganze und zuckte nicht einmal mit der Wimper, als die kalte Stimme ihres Neffen hinter ihr ertönte.
“Wow, Grace, suchst du dir deine Knastbekanntschaften jetzt schon im Vorhinein aus? Ist bestimmt ein toller Fang, diese Wasserleiche!”
“Halt die Fresse, Nick!”, erwiderte sie bissig und zog kurzer Hand den Stecker des Laptops, sodass dieser aus ging. Schnellen Schrittes hatte sie sich Jacke und Handtasche genommen, Schuhe angezogen und war aus der Wohnung verschwunden.
“Das war wohl ein wunder Punkt”, stellte Nick desinteressiert fest und konnte nicht umhin, sich zu fragen, ob dieser Spießer, der Bekanntschaft mit seinen Fäusten gemacht hatte, nicht doch ein größeres Weichei war, als er bisher annahm und doch zur Polizei gegangen war.
Seufzend zündete er sich eine Zigarette an, nachdem er sich auf dem Sofa nieder gelassen hatte.
Das würde dann wohl heißen: Good bye, Stipendium, good bye.

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